Was noch vor wenigen Jahren undenkbar schien, ist nun Realität: Französische Staatsanleihen rentieren zeitweise höher als griechische. Ausgerechnet Griechenland, einst das Sorgenkind der Eurozone, finanziert sich am Kapitalmarkt inzwischen günstiger als Frankreich.
Die Rendite zehnjähriger französischer Staatsanleihen liegt bei rund 4,35 Prozent – und damit zeitweise über dem griechischen Niveau. Vor zehn, fünfzehn Jahren wäre ein solcher Vergleich niemandem in den Sinn gekommen. 2012 stand Griechenland für das Schreckgespenst des Staatsbankrotts innerhalb der Währungsunion. Frankreich gehörte damals zu den Ländern, die den Rettungsschirm mittrugen.
Seither hat Griechenland einen harten Sparkurs hinter sich gebracht. Die Schuldenquote ist gegenüber dem Höchststand während der Pandemie deutlich gefallen, die Haushaltslage hat sich stabilisiert, Laufzeiten wurden verlängert. Athen hat sich am Kapitalmarkt neues Vertrauen erarbeitet, und die Ratingagenturen haben das honoriert.
Frankreich dagegen schleppt eine Staatsverschuldung von über 116 Prozent der Wirtschaftsleistung mit sich, dazu ein hohes Haushaltsdefizit und schwaches Wachstum. Paris versucht zwar, die Finanzen in den Griff zu bekommen, stößt dabei aber auf erbitterten politischen Widerstand.
Die Anleger ziehen daraus ihre Konsequenzen: Für französische Schulden verlangen sie inzwischen mehr Zins als für griechische. Auch der Abstand zu deutschen Bundesanleihen ist so groß wie zuletzt während der Eurokrise.
Der Markt urteilt härter als früher
Die Ratingagenturen haben Frankreich keineswegs geschont – S&P und Fitch bewerten das Land mit A+, Moody's mit Aa3 und negativem Ausblick. Trotzdem klafft eine auffällige Lücke zwischen diesem Rating und dem, was der Markt tatsächlich verlangt. Frankreichs Ruf als besonders sicherer Schuldner ist jedenfalls weit weg von dem, was die Kurse heute zeigen.
Bei Griechenland lief es umgekehrt. Jahrelang stufte man das Land nach der Schuldenkrise als Hochrisikostaat ein, inzwischen führen mehrere Agenturen es wieder in den Bereich solider Bonität zurück.
Dass Rating und Marktpreis bei Frankreich so weit auseinanderliegen, hat einen einfachen Grund: Ratings blicken auf die langfristige Tragfähigkeit der Schulden, der Anleihemarkt dagegen reagiert täglich – auf Zinsen, Defizite, politische Börsenbeben und die zu erwartende Finanzierungslast. Und der verlangt von Frankreich derzeit einfach mehr.
Griechenland als Gegenbeispiel
Die unterschiedliche Schuldendynamik macht den Vergleich noch schärfer. In der Eurokrise lag Griechenlands Schuldenquote bei über 180 Prozent des BIP, während der Pandemie kletterte sie sogar über 200 Prozent. Heute liegt sie deutlich tiefer – das Land hat einen großen Teil seiner Schuldenlast im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung abgebaut.
Frankreich bewegt sich in die entgegengesetzte Richtung. Gleichzeitig muss Paris Jahr für Jahr gewaltige Summen am Kapitalmarkt refinanzieren. Steigende Renditen machen diese Finanzierung Stück für Stück teurer: Je mehr alte, günstigere Anleihen auslaufen und durch neue ersetzt werden müssen, desto stärker spürt der Staatshaushalt das höhere Zinsniveau.
Griechenland konnte einen Teil dieser Last durch lange Laufzeiten und günstige Finanzierungskonditionen abfedern. Frankreich verfügt nicht über denselben Puffer. Das Land ist stärker auf die laufende Finanzierung über den Kapitalmarkt angewiesen.
Während der Eurokrise hatten Griechenland und Frankreich für zwei gegensätzliche Pole Europas gestanden. Athen hatte damals um seine finanzielle Existenz gekämpft, während Paris zu den Staaten gehört hatte, die den europäischen Rettungsmechanismus politisch unterstützt hatten. Mehr als ein Jahrzehnt später ist dieser Abstand deutlich kleiner geworden. Die Entwicklung hätte damals wohl kaum jemand für möglich gehalten.
Von soliden Staatsfinanzen nach Schweizer oder deutschem Maßstab kann bei Griechenland immer noch keine Rede sein, das Land bleibt hoch verschuldet. Doch die Anleger honorieren eine glaubwürdigere Konsolidierung und eine spürbar verbesserte Schuldentragfähigkeit.
Frankreich dagegen tut sich schwer, den Schuldenanstieg überhaupt zu bremsen. Das Defizit bleibt hoch, und für echte Sparmaßnahmen fehlt im Parlament die Mehrheit. Der Markt zieht daraus seinen eigenen Schluss. Griechenland zahlt für zehnjährige Schulden inzwischen teilweise weniger als Frankreich.
Das heißt nicht, dass Frankreich vor einer griechischen Schuldenkrise steht. Dafür sind die wirtschaftlichen Voraussetzungen zu unterschiedlich. Frankreich hat eine ungleich grössere Volkswirtschaft, einen tiefen, liquiden Kapitalmarkt und eine zentrale Stellung in der Eurozone. Aber der Vergleich rüttelt an einer alten Gewissheit. Europäische Staatsanleihen gelten nicht automatisch als sicher, nur weil sie es einmal waren.
Griechenland musste sich das Vertrauen der Anleger nach 2012 mühsam zurückerarbeiten. Frankreich steht heute vor der umgekehrten Aufgabe: zu verhindern, dass es dieses Vertrauen Stück für Stück verspielt. 2012 war Griechenland das Sorgenkind des europäischen Anleihemarktes. 2026 ist ausgerechnet Griechenland der günstigere Schuldner.
Mehr zum Thema – Fast zwölf Euro pro Schachtel – Zigaretten werden noch teurer als bisher bekannt